Scheingefühle

Scheingefühle oder „echte“ Gefühle

Scheingefühle

Wir reden oft über sie, ohne sie wirklich beim Namen zu nennen. Man könnte fast sagen, dass wir in unserer Umgangssprache einen Weg gefunden haben, an unseren Gefühlen vorbeizureden – trotz häufiger Verwendung der Worte „fühlen“ und „Gefühl“. Tatsächlich handelt es sich eigentlich um Gedanken, Wahrnehmungen und Interpretationen, die im alltäglichen Sprachgebrauch als vermeintliche Gefühle daherkommen. (…)

Wer sich bevormundet fühlt, denkt, er würde bevormundet. Das mag am Ende stimmen oder nicht – von einem Gefühl war jedoch nicht die Rede. „Ich fühle mich nicht ernst genommen“ – das ist eine Schlussfolgerung oder eine Interpretation, aber mitnichten ein Gefühl. Immer, wenn ein angebliches Gefühl einen Verursacher erfordert, liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es sich um ein „Scheingefühl“ handelt. „Ich fühle mich ausgehorcht“ – Gefühl oder Gedanke? Das Gleiche gilt für Sätze, die mit „Ich habe das Gefühl, dass …..“ oder: „Ich habe das Gefühl, als ob ….“ Beginnen: Sie enden in der Regel damit, dass eine Vermutung oder ein Vergleich, nicht jedoch ein Gefühl benannt wird.

Es ist eine weit verbreitete Angewohnheit, Gedanken und Interpretationen für Gefühle zu halten – und eine, die sich wieder abgewöhnen lässt. Das Wort „fühlen“ durch denken, glauben, finden, meinen etc. zu ersetzen, wenn es eigentlich um eine Interpretation geht („Ich glaube, ich werde nicht ernst genommen“), ist die eine Sache. Die andere ist, noch einen Schritt weiter zu gehen und hinter solchen „Scheingefühle“ zu schauen. Denn dort warten sie schon, die „echten“ Gefühle.

„Echte“ Gefühle

Die Gefühle, die wir meinen, sind lebendig und dynamisch. Sie tauchen aus unserem Inneren auf – und oft sind sie bald wieder verschwunden. Und ob sie groß und tief, leicht und verspielt oder dunkel und schwer sind: sie sind die Art und Weise, wie sich unsere Bedürfnisse bemerkbar machen und nach Aufmerksamkeit rufen – eine Art Sprachrohr also. (….)

So unterschiedlich und breit gefächert Gefühle auch sind – wir Menschen haben sie alle gemeinsam, ganz gleich, welcher Kultur wir angehören. Welches Gefühl unter welchen Bedingungen wann auftaucht, ist hingegen eine Frage der Persönlichkeit und der individuellen Prägung. Wir neigen dazu, unsere Gefühle in positive und negative aufzuteilen und bemühen uns, die negativen so schnell wie möglich loszuwerden. Im Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen wird allerdings aus einem vermeintlich „negativen“ schnell eines, das uns wichtige Informationen vermittelt, das wahrgenommen und ausgedrückt werden will – in eigener Verantwortung.

Susann Pásztor, Klaus-Dieter Gens: Mach doch, was Du willst (Junfermann 2005)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.