Ärger

Wohin mit dem Ärger?

ANETTE: “Ich fasse es nicht. Ich hatte gerade zum zweiten Mal heute das Kopierpapier nachgefüllt, und jetzt hat schon wieder einer – Holger!“

HOLGER: “Was ist denn los?“

ANETTE: “Hier! Deine blöde Kopiervorlage liegt noch drin! Verdammt noch mal kannst du nicht mal von allein daran denken, neues Papier reinzutun, wenn du solche Unmengen von Kopien machst?“

HOLGER: “Sorry, aber du schreist den Falschen an. Ich war heute noch nicht mal in der Nähe vom Kopierer.“

ANETTE: “Und was ist das hier?“

HOLGER: “Frag doch mal Christoph. Könnte von ihm sein.“

ANETTE: “Na super. Am Ende war’s dann wieder keiner, was?“

HOLGER: “Was wollt ihr mich fragen?“

ANETTE: “Ist das hier von dir?“

CHRISTOPH: “Zeig mal. Oh danke, das hab ich wohl im Kopierer vergessen.“

ANETTE: “Du hast noch was vergessen, nämlich Papier nachzufüllen. Du scheinst ebenso wie jeder andere hier zu glauben, das Zeug wächst einfach nach, was?“

CHRISTOPH: “Mist, daran hab ich nicht gedacht. Jetzt denkst du wahrscheinlich, dass sich hier sonst niemand um so was kümmert ….“

ANETTE: “Das denke ich nicht nur, das IST auch so!“

CHRISTOPH: “Demnach ist es schon x-Mal passiert, dass kein Kopierpapier mehr drin war, wenn du den Kopierer benutzen wolltest, oder?“

ANETTE: “Und es ist ziemlich genau null Mal passiert, dass ein anderer außer mir dafür gesorgt hat, dass neues reinkommt!“

CHRISTOPH: “Du meinst, das du die einzige bist, die für Nachschub sorgt und deswegen bist du so sauer?“

ANETTE: “Genau! Und es ist nicht nur mit dem Kopierpapier so, sondern auch beim Fax! Jeder nimmt sich einfach, was er braucht – fertig.“

CHRISTOPH: “Und du bist vermutlich total frustriert ….“

ANETTE:“…. Weil ich eure Unterstützung brauche! Christoph, ich weiß genau, was du da machst! Ich wollte mich weiter ärgern, aber es geht tatsächlich nicht mehr, wenn du so mit mir redest!“

HOLGER: “Wow, Mann. Das war jetzt aber wirklich gekonnt. Gab’s da nicht noch einen vierten Schritt?“

ANETTE: “Ganz richtig: Und deswegen bitte ich dich, Holger, dass du dich in dieser Woche um das Kopierpapier kümmerst.“

Ärgerlich!

Bei kaum einem Gefühl lässt sich so leicht nachweisen, dass es sich um ein „selbstgemachtes“ handelt: Etwas geschieht, und innerhalb von Sekundenbruchteilen vergleichen wir die gegenwärtige Situation mit Erfahrungen aus der Vergangenheit, assoziieren, interpretieren – und ärgern uns. Entweder über uns selber oder, was häufiger vorkommt, über andere: Ärger geht immer einher mit einer Schuldzuweisung.

Ärger führt zu nichts – außer vielleicht zu weiterem Ärger. Denn wer sich ärgert, bringt nichts in Bewegung. Der Ärger mach nach einer Weile abkühlen – wenn jedoch die „echten“ Gefühle und Bedürfnisse, die dahinter stehen, nicht näher betrachtet werden, ist er bei der nächsten Gelegenheit wieder da. Wie ärgerlich!

Susann Pásztor, Klaus-Dieter Gens: Mach doch, was Du willst (Junfermann 2005)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.