Einfache Selbstempathie

Einfache Selbstempathie

Mithilfe des nachfolgenden Schemas können Sie herausfinden, was Sie bewegt und was Sie brauchen, damit es Ihnen besser geht. Das Vorgehen ist dabei keineswegs ein linearer Prozess, vielmehr gelingt die Annäherung an den Kern durch ein Hin- und Herpendeln zwischen Urteilen, Gefühlen und Bedürfnissen.

  1. Notieren Sie Ihre Beobachtung: Was genau geschah, was löste Gefühle in Ihnen aus?

Wenn ich mit meinem Vater spreche (ob am Telefon oder in der direkten Begegnung) und ihm etwas erzähle, stellt er mehr Fragen, als mir lieb ist, und will immer noch mehr wissen. Obwohl ich seine Fragen beantworte, stellt er sie kurz danach erneut. Auch fragt er mich immer wieder nach meiner Mutter (meine Eltern sind geschieden).

  1. Notieren Sie alle Gedanken (Interpretationen, Bewertungen, Urteile, Vorwürfe, Fantasien, Annahmen) und Verhaltensimpulse, die Ihnen in den Sinn kommen. Je umfassender Sie Ihre Gedanken erfassen, desto leichter wird Ihnen der Zugang zu Ihren Gefühlen und Bedürfnissen fallen. Achten Sie darauf, Fragen in Aussagen umzuwandeln.
    • Oh nein, nicht das schon wieder!
    • Nicht schon wieder diese Fragen! Die sind endlos! Obwohl ich antworte, fragt er später wieder genau dasselbe!
    • Der ist entsetzlich neugierig!
    • Der will alles kontrollieren!
    • Wenn ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe, geht es ihm bestimmt nicht gut – immerhin ist er mein Erzeuger.
    • Ich will eine gute Tochter sein.
  1. Welche Gefühle haben Sie?

Ich fühle mich …

    • genervt
    • müde
    • kraftlos
    • lustlos
    • erschöpft
  1. Versuchen Sie nun herauszufinden: Welche Bedürfnisse stecken hinter Ihren Urteilen und Gefühlen? Wonach sehnen Sie sich in dieser Situation? Welches Bedürfnis wäre dann erfüllt? Sie sind bei dem eigentlichen Bedürfnis angekommen, wenn Sie eine körperliche Entspannung spüren.
    • Ruhe
    • Freiheit
    • Effektivität
    • Autonomie
    • Eine gute Verbindung mit meinem Vater
    • Sein Leben schöner machen ohne dass ich dabei leide
    • Geborgenheit
  1. Was können Sie nun ganz praktisch für Ihr wichtigstes Bedürfnis tun? Finden Sie eine Strategie, die dieses Bedürfnis in der Situation erfüllen könnte. Ihre Bitte kann sich an Sie selbst, die andere Person oder Dritte richten.

Ich möchte ihm die Chance geben, sich im Kontakt mit mir anders zu verhalten, und werde ihm per Karte mitteilen, wie es mir geht und was er konkret anders machen kann:

„Hallo Papa, ich hab Dich schon öfter gebeten mich nicht mit Fragen zu löchern – ohne Erfolg. Ich möchte Dir heute etwas mitteilen: Wenn ich Dir etwas von mir erzähle und Du Fragen stellst, dann werde ich total müde und bereue, Dich angerufen zu haben. Meine Lust, mit Dir weiterzusprechen, sinkt ins Bodenlose. Das finde ich aber für uns beide furchtbar schade! Ich hätte gerne einen Kontakt mit Dir, der uns beide glücklich macht. Wärest Du bereit, für die nächsten fünf Telefonate auf jede Nachfrage zu verzichten? Mir würde es sehr viel bedeuten, wenn Du stattdessen versuchst, mit Deinen Worten wiederzugeben, was Du verstanden hast, oder mir zu sagen, was Du fühlst, wenn ich Dir etwas erzählt habe. Bitte schreibe mir, was Du zu meiner Karte denkst und fühlst (und bitte keine Frage stellen!!!!).“

Überprüfen Sie nun, ob die Strategie dazu geeignet ist, das oben genannte Bedürfnis zu befriedigen: Ist das, was Sie formuliert haben, konkret, positiv formuliert und machbar?
Und würde es Ihnen genau das geben, was Sie brauchen? (Dies bemerken Sie an der körperlichen Entspannung.) Wenn nicht suchen Sie nach einer anderen Strategie.

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.