Wenn ein Handlungsimpuls übermächtig ist

„Wenn ich meine Kollegin auf dem Parkplatz treffe, schlage ich sie zusammen!“, sagte eine Seminarteilnehmerin aufgebracht. „Die ignoriert mich und tut, als sei ich Luft!“ Die Teilnehmerin hatte in den vorangegangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, sich zu ändern. Statt wie früher ihren Kolleg/inn/en klipp und klar die Meinung (in Form verbaler Angriffe) zu sagen, hatte sie in monatelanger mühevoller Arbeit gelernt, ihre Bedürfnisse auf eine andere Art mitzuteilen. Anderen Kollegen in der Firma fiel das auf, aber eben jene Kollegin verhielt sich als einzige so, als benehme sich die Seminarteilnehmerin immer noch „daneben“. Nun wäre es für die Teilnehmerin schade gewesen, einen „Rückfall“ zu erleiden, weil sie sich selbst anschließend vorgeworfen hätte, ihrem alten Ruf gerecht zu werden. Als wir gemeinsam zu verstehen suchten, was hinter ihrer Aufgebrachtheit und Wut stand, entdeckten wir die tiefe Sehnsucht nach Wertschätzung für die Veränderung in ihrem Verhalten. Im Kontakt mit dieser Sehnsucht veränderte sich die Wut in Traurigkeit und Kummer, der noch größer wurde, als wir herausfanden, dass sie sich von jener Kollegin gerade die Wertschätzung wünschte, die sie sich selbst (noch) vorenthielt. Als sie die Möglichkeit sehen konnte, sich selbst für ihre Veränderung wertzuschätzen, ließen ihre Anspannung und die Fokussierung auf das Verhalten der Kollegin deutlich nach.

 Wenn ein Handlungsimpuls übermächtig ist

  1. Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Impuls und überlegen Sie: Wenn ich das tue, wonach es mich drängt, was wäre dann? Welches Bedürfnis wäre dann (hoffentlich) erfüllt? Mit anderen Worten: Für welches Bedürfnis möchte ich so handeln, wie es mich drängt?
  2. Denken Sie nun weiter: Wenn Sie dem Handlungsimpuls folgen – welche Auswirkungen hätte das? Wäre das Bedürfnis wirklich erfüllt? Welches Bedürfnis wäre dann vielleicht nicht erfüllt?
  3. Welche Strategie würde das stark unerfüllte Bedürfnis besser erfüllen – mit weniger „Kosten“?

Haben Sie ein eingeschliffenes Verhalten, das Sie stört, weil es immer wieder einen Handlungsdruck in eine unerwünschte Richtung erzeugt? Eine nachhaltige Veränderung wird durch die Bewusstwerdung der Bedürfnisse möglich, die Sie sich mit dem Verhalten zu erfüllen suchen, und durch eine anschließende Reflexion über attraktive effektive Strategiealternativen.

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.