Beobachtung

Beobachtung – den Weg zu Gefühlen und Bedürfnissen bahnen

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm Zweifel: Was, wenn der Nachbar mit den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ‚Guten Tag‘ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: ‚Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!‘ (Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, S. 37f.)

Die Beobachtung erfordert den Verzicht auf jegliche „Deutungshoheit“, indem man anerkennt, dass Ereignisse (oder Verhaltensweisen) vieldeutig sind. Man selbst maßt sich nicht an, das Geschehen zu beurteilen. (…)

Der Verzicht auf Deutungen bzw. Interpretationen hat große Vorteile, vermag doch eine Fokussierung allein auf die Fakten schon manch inneres Leid zu reduzieren, indem quälende Fantasietätigkeit in ihre Schranken gewiesen wird.

Falls Sie nun glauben, dass Sie in Zukunft auf Interpretationen verzichten sollten: Es geht nicht erstrangig darum, nicht mehr zu interpretieren, zu bewerten oder zu urteilen – das werden Sie kaum verhindern können -, sondern vielmehr darum sich bewusst zu werden, dass man interpretiert, urteilt, bewertet, unterstellt …. Das Ziel ist, Beobachtung und Interpretation/Bewertung zu trennen.

Gerlinde Ruth Fritsch: „Praktische Selbst-Empathie“ (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.