Selbstempathie

Selbstempathie – ganz praktisch

„Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die es am schwierigsten macht, sie zu sehen.“ – Marshall B. Rosenberg

Starke Gefühle – z.B. Wut – gehen mit starkem Handlungsdruck einher. Folgen Sie dem Handlungsimpuls der Wut, laufen Sie Gefahr, auf eine Weise zu reden und zu handeln, die Ihnen zwar kurzfristig Erleichterung verschaffen mag, jedoch zugleich die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Sie das erhalten, was Sie benötigen und ersehnen. Außerdem werden Sie wahrscheinlich später bereuen, was Sie gesagt und getan haben. Wie aber können Sie mit Ihrer Wut umgehen?

Ich finde, dass es nicht ausreicht, jemanden umbringen zu wollen. Morden, schlagen, beschuldigen, andere verletzen, – ob körperlich oder seelisch – sind alles eher milde Ausdrucksformen von dem, was in uns vorgeht, wenn wir uns ärgern. Wenn wir wirklich wütend sind, dann brauchen wir etwas Kraftvolleres, um unserer Wut ihren angemessenen Ausdruck zu verleihen (…) Der hier vorgestellte Prozess unterstützt uns jedoch nicht darin, die Wut zu ignorieren, klein zu machen, zu unterdrücken oder herunterzuschlucken, sondern sie stattdessen aus vollem Herzen und in ihrer ganzen Wucht auszudrücken. (M. B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation, S. 163)

Mögliche Varianten des Umgangs mit starken Gefühlen sind,

  • Ihre Gefühle auszuagieren (den Handlungsimpulsen direkt zu folgen)
  • Sie kathartisch auszudrücken (indem Sie beispielsweise auf Kissen trommeln und Ihre Gefühle herausschreien),
  • sich abzureagieren (indem Sie sich sportlich bis zur Erschöpfung betätigen),
  • Ihre Gefühle und Handlungsimpulse zu unterdrücken oder zu kontrollieren,
  • sich von Ihren Gefühlen abzulenken (indem Sie etwas anderes tun),
  • sich auf künstliche Weise in andere Gefühlszustände zu versetzen (indem Sie Ihr Körperleben verändern durch z.B. Medikamente)

So sehr jede der genannten Möglichkeiten ihre Berechtigung hat und hilfreich sein kann, greifen alle jedoch zu kurz. Wenden Sie nämlich Maßnahmen an, die unmittelbar auf Gefühlsveränderungen zielen, und wollen Sie heftige Gefühle „nur“ mildern, ignorieren Sie dadurch die gute Absicht dieser Gefühle: Sie auf Ihrer Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Spüren Sie darum Ihr Gefühl und die Handlungsimpulse voll und ganz – je früher, desto besser, weil sich dann das Gefühl nicht immer lauter melden muss. Im vollen Kontakt mit dem hinter dem Gefühl verborgenen Bedürfnis entsteht bereits eine große Erleichterung und Befriedigung, sodass selbst starke Gefühle schnell verebben. Zusätzlich stellt sich ein völlig anderes Gefühl als die so wuchtige Wut oder der Ärger ein. Es ist das ursprüngliche Gefühl, das übersprungen oder abgewehrt wurde. Meist handelt es sich um Schmerz, Ohnmacht oder Angst. Mit Gefühlen wie Wut, Ärger oder Hass fühlt man sich weniger verletzlich, weshalb sie unbewusst anstelle des ursprünglichen Gefühls gewählt wurden.

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.