Selbstempathie bei überwältigenden Gefühlen

Vernichtende Selbstabwertungen können zu schweren inneren Qualen und Einbrüchen führen, wo man nicht mehr über seine Erwachsenenkompetenzen verfügt. Das eigene Erleben kann einem dabei fremd erscheinen.

Häufig ist es keine nachhaltig wirksame Lösung, gegen diese Selbstabwertungen in sich zu kämpfen: Die Urteile melden sich immer wieder (kein Wunder – sie wollen, dass ihre Botschaft gehört wird!). So droht ein lebenslanger Kampf, der einem viel Kraft und Energie raubt und in dem man oft genug Niederlagen einstecken wird, weil die Macht der Urteile erschreckend groß ist.

Auch wenn Sie Ihre als vernichtend erlebten Urteile möglichst loswerden wollen, wird Ihnen das kaum gelingen, weil diese eine Seite in Ihnen repräsentieren, die möglicherweise schon sehr lange existiert und sich nicht einfach „amputieren“ lässt. Sie können den Umgang mit dieser Seite jedoch konstruktiver gestalten, was Ihnen leichter fallen wird, wenn Sie deren Schönheit – auch wenn diese Seite augenblicklich noch destruktiv auftritt – entdecken. Und bewerkstelligen können Sie das, indem Sie sich dieser Seite empathisch zuwenden.

Dazu ist nötig, dass Sie zunächst unterscheiden zwischen Ihnen selbst als Gesamtperson und der destruktiv auftretenden Seite. Testen Sie doch bitte einmal, ob es für Sie einen Unterschied macht, wenn Sie sich sagen: „Ich bin so wertlos und kann nichts machen“ im Vergleich zu „Eine Seite von mir denkt, ich (bzw.sie) sei wertlos und könnte nichts machen.“ Diese Seite ist nur ein Teil von Ihnen (möglicherweise handelt es sich um Aussagen früherer Bezugspersonen), unter dem Sie selbst als Gesamtperson stark leiden. Es kann hilfreich sein, dieser Seite eine menschliche Gestalt zu geben: Wie sieht diese aus (männlich – weiblich, klein – groß….)? Wie alt ist sie? Welcher Name würde gut beschreiben, wie Sie sie erleben (Graf Dracula, Fräulein Rottenmeier, Henker, kleines Kind, …..)?

Verlagern Sie nun in Ihrer inneren Vorstellung diese Teilpersönlichkeit aus sich heraus, sodass sie sich nicht mehr gänzlich Ihrer bemächtigt, sondern sich in einem räumlichen Abstand zu Ihnen befindet. Einen Horrorfilm von der ersten oder von der letzten Reihe im Kino aus anzuschauen hat nämlich sehr unterschiedliche emotionale Auswirkungen: Obwohl es derselbe Film ist, macht es einen großen Unterschied im inneren Erleben, ob man am Horror sehr nah dran (bzw. geradezu im Film/Horror drin) ist oder ob man ihn mit einigem Abstand betrachtet.

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.