Selbst-Empathie bei innerer Zerrissenheit

Hin und wieder erscheinen Gedanken und Gefühle als sehr widersprüchlich. Man taumelt innerlich von einer Seite zur anderen es scheint nur ein – Entweder-oder zu geben. Manchmal fühlt es sich so an, als befänden sich die sprichwörtlichen zwei Seelen in der Brust.

Trennen Sie diese „Seelen“ bzw. die verschiedenen Seiten, um sie sich einzeln anzuschauen und sich ihnen empathisch zuzuwenden. Statt des Entweder-oder wird die Lösung in einen Sowohl-als-auch liegen, also in einer Strategie, die sowohl die Bedürfnisse der einen wie auch die Bedürfnisse der anderen Seite berücksichtigt.

Beispiel I:

1. Notieren Sie die Fakten: Was ist der Auslöser für Ihre Gefühle?

Ich bin überarbeitet und bräuchte dringend Urlaub, bekomme das aber nicht hin.

2.a. Vergegenwärtigen Sie sich: Das Folgende ist der Kommentar einer Seite von Ihnen! Notieren Sie alle Urteile dieser Seite.

    • Ich bin kaputt (Abends kann ich mir vor Müdigkeit kaum die Schuhe ausziehen.)
    • Ich kann nicht mehr!
    • Ich kann mich nicht auch noch bewegen – dafür bin ich viel zu erschöpft.
    • Ich will und kann nicht auch noch etwas für mich selbst machen.
    • Es ist mir zu viel, mich um mich selbst zu kümmern; ich habe keine Kraft dafür.

Welche dieser Urteile haben das stärkste Gewicht bzw. wirken am stärksten auf Sie? Markieren Sie diese.

3.a. Welche Bedürfnisse stehen hinter den Aussagen dieser Seite?

    • Erholung
    • Entspannung
    • Fürsorge
    • Einfach nur sein

4.a. Welche Gefühle spüren Sie, wenn Sie Kontakt zu diesen Bedürfnissen aufnehmen?

    • Müdigkeit und Erschöpfung
    • Angst, dass ich in ein tiefes Loch falle, wenn ich nicht mehr arbeite, und nicht mehr aus diesem Loch rauskomme.
    • Furcht davor, dass in einem Urlaub oder bei mehr Freizeit nur grässliche Leere da ist.
    • Sehnsucht nach dem „Nur-Sein“

2.b. Notieren Sie nun alle Urteile Ihrer anderen Seite

    • Ich muss mir meine Existenzberechtigung verdienen. Es muss doch einen Sinn haben, dass es mich gibt.
    • Ich muss etwas schaffen!
    • Ich muss noch mehr geben als bisher
    • Ich muss meine Gaben ausnutzen – es gibt so viel auf dieser Welt zu tun!

3.b. Welche Bedürfnisse stehen hinter den Aussagen der Seite?

    • Anerkennung
    • Einen Unterschied in der Welt machen
    • Zur Bereicherung des Lebens beitragen
    • Sinn
    • Wirksamkeit
    • Schaffen

4.b. Welche Gefühle spüren Sie nun, wenn sie Kontakt zu diesen Bedürfnissen aufnehmen?

Dankbarkeit für meine Tätigkeit
Müdigkeit, weil es so viel Arbeit gab und gibt in meinem Leben

5. Beide Seiten stehen für berechtigte Anliegen und wichtige Bedürfnisse. Machen Sie aus Ihrem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch! Finden Sie eine Strategie, die die Bedürfnisse Ihrer beiden Seiten erfüllen könnte.

Brainstorming für Strategien, die beide Seiten berücksichtigen:

    • Urlaub in den Alltag integrieren: Meine Arbeitszeit begrenzen auf vier Tage und an drei Tagen arbeitsfreie Phasen haben, um mein Bedürfnis nach Freizeit zu erfüllen.
    • Action-Urlaub planen (Urlaub, in dem ich etwas schaffe):z.B. das Matterhorn besteigen und währenddessen über neue Projekte und Visionen für meine Arbeit nachdenke.
    • Ein Diktiergerät bereithalten für den Fall, dass die Leere sprudelt.
    • Mir überlegen: Wo kann ich andere um Fürsorge bitten? Konkrete Bitten an andere richten.
    • Ein Seminar in meiner Lieblings-Urlaubsgegend geben
    • Meine Bewertungen ändern: Mir Entspannung erlauben mit dem Ziel, die Bedürfnisse der Arbeiterin erfüllen zu können

Meine Bitte an mich jetzt ist, dass ich ein Seminarhaus auf Lanzarote buche und das Seminar ausschreibe.

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.