Pseudogefühle

Pseudo-„Gefühle“ und Gefühle unterscheiden

„Ich kann meinen Gefühlen nicht trauen“, behaupten manche Menschen. Bei genauer Nachfrage kommen dann Erklärungen wie: „Ich fühle mich häufig abgelehnt, obwohl das eigentlich objektiv nicht der Fall ist – und deswegen verlasse ich mich nicht mehr auf meine Gefühle, sondern auf meinen Verstand.“ Ein solcher Verzicht ist schade, weil es sich gar nicht um Gefühle handelt, denen Besagte nicht mehr trauen. Denn nicht bei jeder Formulierung, bei der Gefühl „draufsteht“ ist auch echtes Gefühl „drin“. Oft handelt es sich um Einschätzungen, Interpretationen, Analysen oder Diagnosen darüber, was jemand vermeintlich tut – also klassische Urteile bzw. bewertende Gedanken. „Ich fühle mich abgelehnt“ ist kein Gefühl, sondern eine Bewertung auch Pseudo-„Gefühl“ genannt („Ich denke, der andere lehnt mich ab.“) Anstelle von „Ich kann meinen Gefühlen nicht trauen“ müsste es also eigentlich heißen: “Ich kann meinen Situationsdeutungen/Interpretationen nicht trauen, weil ich allzu rasch alles Mögliche auf mich beziehe, was gar nichts mit mir zu tun hat“ oder: „Ich kann Situationen nicht so gut einschätzen“. Und weil ihre Pseudo-„Gefühle“ bzw. Situationsbewertungen nicht den Tatsachen entsprechen beschließen viele Menschen, sich zusätzliches Leid durch Missinterpretationen zu ersparen und sagen sich radikal von allen Gefühlen los.

Damit aber wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, denn seinen Gefühlen vertrauen kann jeder Mensch jederzeit voll und ganz. Sich selbst vertrauen zu können ist ein großes Kapital, und guten Kontakt zu seinen Gefühlen zu haben ebenso. Darum ist die Unterscheidung von Gefühlen und Pseudo-„Gefühlen“ mehr als eine sprachliche Spitzfindigkeit.

Bei einigen Pseudo-„Gefühlen“, den sogenannten „Täter-Gefühlen“ (z.B: „Ich fühle mich nicht akzeptiert.“), liegt die Aufmerksamkeit mehr bei dem, was jemand anderes Ihnen Ihrer Meinung nach angetan hat („Er akzeptiert mich nicht.“), als bei Ihnen selbst und Ihrem Gefühl. Beim „Täter-Gefühl“ ist immer noch jemand anderes im Spiel, wohingegen es bei einem Gefühl nur um Sie selbst geht. Werden „Täter-Gefühle“ geäußert, entwickeln sie einen gewissen Totschlägereffekt: Die implizierte Vorwurfshaltung löst in anderen häufig Ohnmacht, Resignation, Abwehr oder Verteidigungsversuche aus. Gefühle hingegen lösen gewöhnlich Mitgefühl aus.

Gerlinde Ruth Fritsch: „Praktische Selbst-Empathie“ (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.