Kein Schwein ruft mich an!

Wer freut sich nicht, wenn er nach einer Präsentation hört:“ Da hast du einen tollen Job gemacht! Du bist ein echter Profi.“ Oder wenn sie nach der Trennung die Kinder am Sonntagabend pünktlich beim Vater wieder abliefert und hört: „Du bist wirklich zuverlässig. Prima!“

Das ist die Macht der Gewohnheit: Ich habe mich früher immer gefreut, wenn ich „gut“, „prima“, „toll“ hörte, weil ich das automatisch mit meinem Wert als Mensch gleichgesetzt habe.

Von Kindesbeinen an wurde ich mit den Botschaften geimpft: “Du bist ein fleißiges, braves, böses, starkes Mädchen!“ …. Wenn ich meine Hausaufgaben gemacht, der Mutter geholfen, dem Vater widersprochen, nachmittags Nachhilfestunden gegeben oder dieses getan und jenes gelassen habe. Komischerweise hieß es „frech“, wenn ich der Mutter widersprochen habe – widersetzte ich mich jedoch auf gleiche Weise dem Nachbarn, den meine Mutter nicht leiden konnte, hieß es „Gut so“. Soweit zur „objektiven“ Bewertung.

Ich wurde für meine Handlungen beurteilt – und es wurde nicht unterschieden zwischen dem Wert der Handlung und meinem Wert als Mensch.(…)

Diese Vermischung von menschlicher Wertschätzung und Bewertung von Handlungen hat bei mir bis ins Erwachsenenalter angehalten. (…) Eine neue Möglichkeit, meine Bedürfnisse nach Kontakt, Wertschätzung, Verbindung usw. zu erfüllen, habe ich darin gefunden, den Menschen (inklusiv mir selbst) nicht immer nur zu sagen, was sie meiner Meinung nach „falsch“ machen. (…) Probiere mal, nur einen Tag lang, anderen gegenüber auszusprechen, was sich für dich durch deren Handlungen heute erfüllt, worüber du dich freust (…)

Ingrid Holler: „Energie auftanken“ (Junfermann 2006)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.