Intensive

Intensive Gefühle übersetzen

Ein Patient berichtete im Erstgespräch, er sei von seiner Geliebten, einer verheirateten Frau, verlassen worden. Er habe mit ihr ein bis dahin ungekanntes sexuelles Glück erlebt. Er sagte mit verzerrtem Gesicht: “Ich überlege stark, sie am Heiligabend aufzusuchen und ihre ganze Familie niederzumetzeln“, um nach einer Pause verwirrt zu sagen: „Aber wie passt das zu Folgendem? Würde sie mir sagen, ich solle nackt durch die Haupteinkaufsstraße laufen, um sie wiederzukriegen – ich würde es sofort tun! Aber dabei hasse ich sie doch!“ Nach einer Weile des Schweigens sagte ich: “Ich habe den Eindruck, dass sich hinter Ihrem Hass unendlich viel Trauer befindet. Sie haben den Himmel auf Erden erlebt und sind aus diesem Himmel gestoßen worden. Und nun sind Sie unendlich traurig, weil Sie so gern mit ihr zusammen geblieben wären. Und wenn Sie ihre Familie töten möchten, vermute ich, dass Sie gerne möchten, dass sie am eigenen Leib erfährt, was es bedeutet, Schmerzen zu haben, will man jemanden Geliebtes verloren hat.“ Er nickte und begann still zu weinen.

Wenn Sie handeln wollen, sollten Sie sich erst nach dem inneren Kontakt zum zentralen Bedürfnis überlegen, welches Verhalten geeignet sein könnte, Ihr unerfülltes Bedürfnis zu stillen. Statt vom Gefühl her zu handeln (also seinen Handlungsimpuls zu folgen), sollte sich das Handeln punktgenau auf das unerfüllte Bedürfnis richten. Je besser es Ihnen gelingt, Ihr Bedürfnis mit ganz praktischen Strategien zu befriedigen desto eher werden die dazugehörigen intensiven unangenehmen Gefühle nachlassen.

Wenn ein Gefühl sehr intensiv ist

  1. Nehmen Sie Ihr Gefühl wahr – je früher, desto besser.
  2. Akzeptieren Sie, dass es da ist. Es will Ihnen helfen, Ihr Leben besser zu gestalten. Versuchen Sie es weder anzuheizen noch abzuschwächen.
  3. Versuchen Sie herauszufinden: Mit welchem Bedürfnis hat das Gefühl zu tun? Auf welches Bedürfnis weist Sie das Gefühl hin?
  4. Im Kontakt mit dem zentralen Bedürfnis wird Ihr intensives Gefühl nachlassen und ein anderes – das ursprüngliche Gefühl – aufkommen. Im Kontakt mit dem ursprünglichen Gefühl lässt Ihre körperliche Angespanntheit nach.
  5. Überlegen Sie: Was ganz konkret können Sie dafür tun, dass Ihr Bedürfnis erfüllt wird?

Gerlinde Ruth Fritsch: Praktische Selbst-Empathie (Junfermann 2008)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns herzlich bedanken.