Beobachtungen von Bewertungen trennen

#Worte_der_Woche 2019 KW27

Ich habe noch nie ein dummes Kind gesehen; ich habe schon mal ein Kind gesehen, das hin und wieder etwas gemacht hat, dass ich nicht verstand, oder etwas anders gemacht hat, als ich geplant hatte; ich habe schon mal ein Kind gesehen, das nicht dieselben Orte kannte wie ich, aber das kein dummes Kind.
Bevor du sagst, denk mal nach, war es ein dummes Kind, oder hat es einfach nur andere Sachen gekannt als du? — Ruth Bebermeyer

Beobachtungen von Bewertungen trennen Oftmals vermischen wir eine Beobachtung – die Fakten in einer Situation – mit unserer eigenen Meinung. Hier ein Beispiel: Ihr Bruder hat den ganzen Samstag damit verbracht, einem Freund beim Dachdecken zu helfen. Eine Beobachtung, die mit einer Bewertung vermischt ist, wurde ich so anhören: „Du wirst dich noch ganz verschleißen!“ Eine Beobachtung, der Bewertung getrennt ist, sähe so aus: „Wenn ich sehe, dass du den ganzen damit verbringst, das Dach deines Freundes zu decken, und weiß, wie schwer du während der Woche arbeitest, bin ich besorgt, dass du dich verschleißen könntest.“

Im ersten Beispiel bewertet die Sprecherin das Verhalten ihres Bruders: Er wird sich verschleißen. Im zweiten Beispiel erkennt sie die Fakten an — ihr Bruder half am Samstag einem Freund, das Dach zu decken — und gesteht ihre eigenen Ängste ein, wie das sein Leben beeinflussen könnte. Der Unterschied ist zwar fein, aber im Ergebnis rufen wir, wenn wir Beobachtungen und Bewertungen vermischen, oft defensive Reaktionen bei anderen Menschen hervor. Sind wir in der Lage, beides voneinander zu trennen, fördern wir eher einen offenen Dialog über unsere Besorgnis.

Achten Sie heute auf Ihre Bewertungen und Beobachtungen. Versuchen Sie, beides voneinander zu trennen, um mehr Möglichkeiten zum offenen Dialog zu schaffen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Üben!

Mary Mackenzie: „In Frieden leben“ (Junfermann 2007)

Wir veröffentlichen den Auszug aus diesem Buch mit Einverständnis unseres Kooperationspartners Junfermann Verlag. Für uns ist dies Ausdruck eines gelebten Miteinanders für das wir uns bedanken.